Wir haben alle einen Körper, der Dinge tut, die wir nicht wollen und nicht vorausgesehen haben, die unseren Plänen zuwiderlaufen. Die Relevanz dessen, was dieser Körper mit uns macht und was andere Körper uns antun, wird nie aufhören. Ohne die Möglichkeit von Schönheit, ohne Sehnsucht, lohnt es sich überhaupt nicht, irgendetwas zu versuchen.
Dieses Neudenken des Menschen ist zugleich ein Wiederdenken, ein Wiedererfinden des Menschen vor dem Hintergrund seiner Sterblichkeit, seiner Verwundbarkeit, der Vergänglichkeit des Lebens. Es klingt paradox, doch es ist möglich.
Philipp Blom, Tod im Kirschgarten - Auf der Suche nach dem überfälligen Narrativ. in: Lettre international 135
Der Projekttitel greift einen Terminus auf, der im 18./19. Jhd. Gemälde der Renaissance bezeichnete, die eine Madonna mit Kind in einer Gruppe von Heiligen darstellen. Dabei zeigen diese Bilder keine Unterhaltung im wörtlichen Sinne. Vielmehr mag es wohl um eine spirituelle Kommunikation unter den Personen oder eher sogar um eine Austausch auf geistiger Ebene zwischen Bild und Betrachter*in gehen. Sacra conversazione ist insofern eine moderne Interpretion dieses Begriffs, als dass die Fotografien von Vulven, Penisen, Landschaften, Steinen, Wasser und Gewächsen in ihrer Zusammenschau miteinander in Beziehung treten. Wenn wir uns auf diese Bilder einlassen, werden auch wir zu einem Teil der Konversation. Statt unseres gewohnten Blickes aus der Distanz, haben wir auf Augenhöhe Teil an einem künstlerischen Dialog der Bilder. Statt des Außensicht von oben, werden wir ebenbürdig zur abgebildeten Natur.
Sacra conversazione stellt Fragen:
Was ist der Mensch im Gefüge der Welt?
Was hat es auf sich mit der Liebe und dem Tod?
Was ist Ewigkeit?
... und was hat das alles mit mir zu tun?
Die Vulven und Penise der Fotografien sind so groß wie ein ganzer Mensch. Sie sind Details menschlicher Körper und doch assoziieren wir zugleich Landschaft oder uns unbekanntes Pflanzliches, eigenständige Lebewesen gar, die uns auf Augenhöhe gegenübertreten.
Wie eng verwoben sind wir mit der Natur? Wieviel Natur ist unser Körper? Womöglich ist unsere Sexualität noch der Teil an uns, durch den wir am engsten mit dem Rest des natürlichen Seins verbunden sind.
"Dieses Neudenken des Menschen ist zugleich ein Wiederdenken, ein Wiedererfinden des Menschen vor dem Hintergrund seiner Sterblichkeit, seiner Verwundbarkeit, der Vergänglichkeit des Lebens." (Philipp Blom) Wo sind wir sonst so verletzlich und zugleich so lebendige Natur wie in unseren intimsten Bereichen? Durch die bildliche Einbettung ins Gewebe des Seins lassen diese Fotografien erahnen, welche Schönheit und Stärke aus dieser Verletzlichkeit erwachsen kann.
Wie Bernhard Malkmus sagt, sind wir als "kulturelle Wesen (...) auf einen natürlichen Resonanzboden angewiesen: auf die Fähigkeit, Leib zu sein und nicht nur einen Körper zu haben; auf die Kunst, Leben wachsen lassen zu können und nicht nur zu verwalten;" Denn zumindest eines ist sicher: unser Körper ist wie alles, was lebt, dazu geboren, eines Tages wieder zu sterben. Damit verschwindet dann auch unsere individuelle einmalige Gestalt und geht in den Kreislauf von Werden und Vergehen ein. Diese Fotografien werden wenigstens für eine Weile die intime Vielfalt und Verletzlichkeit menschlicher Leiblichkeit bewahren.
Weißt du eigentlich, wie besonders du bist?